Blog Eintrag

Interview mit Russell Brown: über die "Geburt" von Photoshop

25.01.10 11:01 | S. Obermüller

Russell Brown, Adobe Urgestein und Senior Director Marketing für den Bereich Photoshop zu treffen, war sicherlich eine der spannendsten Interview-Situationen auf der Photoshop Convention. Zum einen gibt es sicherlich kaum jemanden im Adobe Orbit, der die 20.jährige Entwicklung von Photoshop so hautnah, in erster Reihe und von Anfang an miterlebt und beeinflusst hat. Zum anderen ist man bei ihm auch nie ganz sicher: trifft man nun auf den seriösen und "corporate" Adobe Mitarbeiter Dr. Russell Preston Brown od. aber, auf seinen kongenialen Mitstreiter - die fiktive Kunstfigur "Doc Brown". Diese Frage können wir schon mal vorab beantworten - man trifft beide!

Hallo Russel, danke für Deine Zeit! Wir würden uns mit Dir gerne auf eine Zeitreise begeben, in die Anfänge von Photoshop. Kannst Du Dich erinnern, wie genau Dein erstes Aufeinandertreffen mit Photoshop ablief?

Russell: (reibt sich die Schläfen) - Hm, Hm ......
John Knoll von den Knoll-Brüdern kam 1989 zu Adobe. Der Kontakt kam über Frank Mitchell zustande, der zu der Zeit bei Adobe für Akquisitionen und Software zuständig war und der zu uns sagte: "schaut euch dies unbedingt mal an". So saß ich also in dieser aller ersten Demo, die ich zu Photoshop sah und mich warf es fast vom Stuhl. Am meisten hatte mich das Soft-Selection Tool beeindruckt. Ich hatte zuvor schon mit Computern gearbeitet, die zu der Zeit extrem teuer und nur handverlesen zu finden waren. John Knoll zeigte und also die Funktion des "Zauberstabes" und erstellte im Beispielbild eine Auswahl von einem Sees - hier fällt mir gerade ein, das habe ich so im Detail noch nie erzählt (lacht) - und dann zeigte er mir die Auswahlmaske dieses Sees. Und diese Maske hatte eine absolut perfekte, weiche Kante! Zur Erstellung hatte er einen Pinsel mit weicher Kontur benutzt! Das war neu für mich - Ich hatte bis dahin in einer Welt mit "harten Pixel-Kanten" und Mac Paint gelebt. Und wenn ich mich so zurück erinnere, hat er die Auswahlkante dann auch noch weichgezeichnet.

Das hat es bereits in der allerersten Version gegeben?
Russell: Ja, ja - er hat diesen Pinsel weichgezeichnet und mit der weichen Kante hat er die Auswahl bearbeitet und in der Oberfläche des Sees gezeichnet. "Mann oh Mann!" dachte ich mir. Das konnte man so zu der Zeit nur auf einem 100.000 Dollar Equipment machen. Er zeigte uns die Demo aber auf einem der ersten farbigen MACs. Ich glaube ein es war ein Mac-II.

Er brachte seinen eigenen Computer zur Demo mit?
Russell: Ja, er mußte ihn mitbringen - wir hatten damals doch keine "richtigen" Computer (lacht). Wir hatten nur Prototypen von Apple, meist ohne Gehäuse. Kabel hingen wüst raus... Er machte also seine Demo, zeigte die Auswahl und wir sagten zu John Warnock (einer der beiden Gründer von Adobe) "wir sollten dies kaufen". Ich sagte zu ihm" das ist ein Gottesgeschenk für alle Designer!". Und so kam es sehr schnell zur ersten Version. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir Illustrator und Postscript und waren noch sehr postscript-fokusiert. Die ersten Ideen, als Adobe als Firma startete, war ja eigentlich: "wir sind eine Drucker-Firma, bauen Drucker und nutzen Postscript als Sprache für diese Drucker." - Und ich glaube, es war Steve Jobs, der John Warnock und Chuck Geschke überzeugte: "lasst mich die Drucker machen - macht ihr die Software." So wurde Adobe letztendlich eine Software-Firma und John hatte uns, mit der Einführung von Illustrator, dem Ziel bereits ein Stück näher gebracht. Aber so richtig auf den Weg brachte uns dann die Einführung von Photoshop - ab da waren wir eine Software-Firma und mehr als nur  "Post-Script". Ab da wuchs die Firma und keiner von uns würde wohl heute hier sitzen, wenn Photoshop damals nicht von Adobe entdeckt worden wäre. Vielleicht hätten zwei andere Firmen das Ganze entdeckt und wären in Streit geraten, wer nun die Rechte daran bekommt.



Wie muß man sich Adobe als Firma zur Geburtsstunde von Photoshop vorstellen - wie viele Leute arbeiteten damals für Adobe?
Russell: Also ich bin Mitarbeiter Nummer 38  und wir waren gerade in ein neues Gebäude gezogen. Ich denke wir waren damals so um die 300 Mitarbeiter. Wir waren eine sehr junge Firma. Und wenn Du mich jetzt fragen würdest, wußtest Du, dass Photoshop so ein Erfolg werden würde, hätte ich damals wohl geantwortet "Nein".

Echt nicht?

Russell: Nein, ich dachte damals, dass ist ein tolles Spielzeug für Publishing. Ich mochte die Fähigkeit von Photoshop, Bilder für die Druckvorstufe anzupassen. Ich dachte immer im Kontext zu Print: Man hat Bilder, kann diese optimieren - mit Bildbeschneidung, Cut & Paste, Blenden, usw.
Die Zukunftsvision, wer alles Photoshop einmal nutzen würde, hatte ich nicht - ich dachte ursprünglich nicht an Illustratoren, Designer, Fotografen, Architekten und die breite Maße. Ich wußte, es ist cool und großartig - aber im Bezug auf Zukunftsvisionen war ich nicht sonderlich visionär. Das bin ich auch heute noch nicht, das gebe ich zu. Wenn man mich frägt, was sollte alles in der nächsten Version möglich sein, fällt es mir schwer, mir dies vorzustellen. Aber wenn ich dann die neuen Features sehe, sage ich als Erster: " Jawohl, das ist genau das, was wir brauchen!"
Also bitte keine Zukunfts-Fragen! (lacht)

Photoshop ist für viele der täglich Arbeitsraum und ihr kreatives Arbeitsumfeld ...
Russell: (lacht) Und ich hoffe die zahlen alle ihre Miete!
... und es sicherlich eines der Adobe Produkte, an dem die User am meisten hängen. Wie erklärst Du Dir diese "emotionale" Seite von Photoshop?
Russell: Das iPhone ist auch "emotional". Die Applikationen auf dem iPhone sind "emotional". Ich glaube Photoshop ist "emotional", weil es hilft, den inneren Künstler in Dir zufrieden zu stellen. Ich kann dies verändern, das dorthin stellen und kombinieren und man kann sich selbst einreden "sieht gut aus!". Auf der einen Seite könnte man sicherlich zu sich selbst sagen, "ich nutze jetzt den Kopierstempel, jetzt das Auswahl-Werkzeug". Aber man macht man das alles ja intuitiv und mit einem gewissen Spaß. Photoshop macht, was man will, wenn man gelernt hat, es zu kontrollieren, so wie wenn man eine Sprache lernt.... Ich habe Spanisch gelernt, bin nach Mexiko gefahren und habe etwas auf Spanisch bestellt  (lacht) und das war schon ganz schön hart ... aber Du fühlst Dich dann viel besser, wenn Du das Gelernte umsetzt... und so ähnlich ist es wohl, wie das Fahren in ein neues Land ... Du öffnest Photoshop, lernst die Sprache, lernst es zu kontrollieren und hast schnell Spass dabei und kannst kreative Ideen denken und schnell umsetzen. Und bist zufrieden.... Aber irgendwie ist die Frage schwierig. (lacht)

Ok - Laß mich das Thema Emotionalität anders visualisieren: Was würde passieren, wenn man den Leuten sagt "ab morgen gibt es keinen Photoshop mehr?"
Russell: Das gäbe eine Revolution!!!
... und im Gegenzug "ab heute kein Excel oder Word mehr"?
Russell: (lacht lauthals)

Russell, wenn Du Dir eine Zeitleiste vorstellt, was wären darauf die Meilensteine in der 20 jährigen Photoshop-Geschichte?
Russell: Meilenstein Nummer 1 ist sicherlich Version 1.0 - das war eine bahnbrechende Veränderung. Der nächste Meilenstein war sicherlich die Verfügbarkeit auf PC, dann kamen die Ebenen in Version 3, dann Text-Editierung, Transparenzen und Blend-Modes. Dann sicherlich die technische Veränderung durch mehr Arbeitsspeicher, die es ermöglichte, auch größere Files zu öffnen und zu bearbeiten. dann Features durch bessere Scanner, CMYK Support. Und dann kamen die Kameras - das war wirklich ein Meilenstein! Denn ab dann veränderten die Fotografen ihren persönlichen Workflow. Kamera RAW war der nächste Meilenstein. Übrigens ein Thema, in dem Thomas Knoll heute sehr aktiv ist.

Aber jetzt müßen wir Dich mal etwas ganz anderes fragen - wie ist eigentlich der Character "Doc Brown" entstanden?
Russell: Oh schon wieder eine Zeitreise! (lacht) ... Er ist eine verrückter Kunstfigur - aber wer mich kennt (lacht)... Anfangs, in grauer Vorzeit machte ich meine Präsentationen noch mit Slides... Mit Text-Slides: "Dies sind die Vorteile von Photoshop".... wie langweilig, oder?. So entschloß ich mich, Bilder in die Präsentationen einzubauen und das Publikum sagte "toll, super"... So fügte ich dann als nächstes eine Portion "Humor" in die Präsentationen  ein ... ich nahm den schiefen Turm von Pisa und veränderte ihn in meiner Demo. Machte ihn gerade, streckte und stauchte ihn. Und dann merkte ich: "he das Publikum lacht ja!" Und das infizierte mich: "Das Publikum lacht, das Publikum lernt, -> das machte mir Spaß!" Also überlegte ich: "wie kann ich das Publikum noch mehr zum Lachen bringen?" Und so entstanden verrückte Kostüme und Ideen, die ich in meine Demos einbaute. So wurde Doc Brown geboren, der verrückte Wissenschaftler, der Tipps zu Photoshop gibt. Aber die Reaktionen waren geteilt. Ich bekam auch erboste Emails von Leuten, wie z.B. "Das ist lächerlich, glaubst Du wir sind Kinder?"-"Warum wirst Du nicht erwachsen?"-" So kann ich Sie nicht in meiner Firma präsentieren lassen!" Das waren Emails und Reaktionen,  die mich zögern liessen. Auf der einen Seite weiß man ja, der Großteil der Leute hat Spaß daran. Aber man hört dann doch mehr auf die einzelnen wenigen Kritiker. Ich denke, es gibt genug ernste Präsentatoren. Doc Brown war dann für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, aber irgendwann fragte mich mein Chef "He kannst Du nicht als Doc Brown eine Demo auf der Photoshop World geben?". Und nun ist er wieder da! ber auf Adobe TV mache ich nun die Russell Brown Show. Das ist etwas seriöser. Ich denke ja auch an die Zuseher! Was soll denn ansonsten der Chef denken, wenn er ins Büro kommt und annimmt, seine Mitarbeiter schauen gerade irgendein Kinderprogramm auf dem Rechner an. (lacht)
Letztendlich setze ich Humor ein um die Leute wach zu halten und ich denke, man lernt dadurch definitv mehr, als wenn man einem Präsentator zuhören muß, der einen einschläfert. Aber ich bin mir sicher, 5% meiner Zuseher würden mich am liebsten umbringen! Ich achte deshalb darauf, dass der Infogehalt meiner Demos höher liegt, als der NonSense-Anteil. Manche Episoden der Doc Brown Show waren schon extrem. Sie waren wunderbar und hochwertig produziert...(denkt nach) aber sie waren extrem! Echt extrem!!! So nehm ich mich nun etwas zurück.



So verkehrt kann das Konzept ja nicht sein. Google hat ja nun Doc Wave mit einem sehr ähnlichen Konzept erfunden.
Russell: Echt? Goggle? Kenn ich noch gar nicht. Das muß ich mir mal ansehen. Vielleicht kann ich dort was lernen. Meine Inspiration für die Erfindung von Doc Brown waren die 50 Jahre Shows in meiner Kindheit.

Ist es für Dich schwer, die Trennlinie zwischen dem offiziellen Adobe Mitarbeiter Russell Brown und der Kunstfigur Doc Brown zu ziehen?
Russell: Ich hörte einmal jemanden im Büro sagen "wißt ihr was Russell gerade macht? Er hat ein Kostüm an!!!" - " Oh das ist OK, das ist Russell!" Das ist eine gewisse Freiheit - aber damit muß man vorsichtig sein und diese Freiheit richtig ausbalancieren. Man darf damit nicht zu weit gehen. Mein Boss sagt immer: " ich möchte nie den Fall haben, dass Du ins Büro kommst und Dich für irgendetwas entschuldigest". Aber ich glaube, ich hab mich schon für ein paar Sachen entschuldigt... Am besten man hört nicht was die Leute über einen sagen.... Was denkst Du denn von der Doc Brown Show?

Oh ich fand Sie amüsant, aber.....

Russell: Komm sag schon!!
... doch schon sehr nah an der Grenze des Erlaubten...
Russell: ... Oh!!!
(auf dünnem Eis) ... mehr Infotainment....
Russell: Oh!!!
...die Russell Brown-Show ist informativer und trotzdem hat sie eine gesunde Mischung an Humor.
Russell: Ja das ist es! Ich versuche nun an die Grenze des Erlaubten zu gehen - aber bleibe dabei Russell Brown.

Dein Erfolgsrezept ist sicherlich auch die Authenzität mit der Du Deinen Job machst. Was steht als nächstes auf dem Programm?
Russell: Ich reise von München aus weiter nach Japan und darauf freue ich mich sehr. Ich habe wieder einige verrückte Ideen im Gepäck!



Russell, vielen Dank für Deine Zeit, die Einblicke in die Anfangszeit von Photoshop und das ausführliche Interview.

Fotos & Bildrechte: Mathias Vietmeier - Vietmeier Design

Kategorien: Photoshop wird 20, Photoshop, Interviews

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